Portrait lore kramer geb koehn 1959 foto ferdinand kramer archiv kramer

Die Hochschule für Gestaltung (HfG) Offenbach trauert um eine ihrer prägendsten Persönlichkeiten: Lore Kramer ist am 22. März 2026 im Alter von 99 Jahren verstorben. Mit ihr verlieren wir eine engagierte Keramikerin und Gestalterin, eine visionäre Denkerin und eine unverzichtbare Wegbereiterin der HfG, die wie keine andere die Verbindung von Design, sozialer Verantwortung und theoretischer Reflexion verkörperte.

Lore Kramer war von 1956 bis zu ihrer Emeritierung 1988 eng mit der Entwicklung der HfG verbunden – zunächst als Dozentin für Keramik an der Werkkunstschule Offenbach, später als Professorin für Designgeschichte im Fachbereich Produktgestaltung. Ihre Tätigkeit war geprägt von Führungsverantwortung: Sie übernahm zwei Mal das Amt der Dekanin sowie drei Mal das der Prorektorin. Als Vorsitzende des Konvents war sie 1970 maßgeblich an der Umwandlung der Werkkunstschule in eine Kunsthochschule des Landes Hessen beteiligt. Nach ihrer Emeritierung blieb sie der HfG als Gastdozentin verbunden und bereicherte die Hochschule bis in die 1990er Jahre hinein. Sie gehörte zu den Gründungsmitgliedern des Fördervereins der Hochschule freunde der hfg und war dort seit 2014 Ehrenmitglied. 

Lore Kramers Denken war tief verwurzelt in der Idee, dass Design nicht nur Ästhetik, sondern auch gesellschaftliche Funktionen erfüllen muss.

Ein zentrales Beispiel für diesen Ansatz war ihre Auseinandersetzung mit der Frankfurter Küche – ein Projekt der 1920er Jahre, das im Rahmen des Neuen Frankfurt entstand und darauf abzielte, Haushaltsabläufe durch rationelle Gestaltung zu vereinfachen. Diesen Fokus auf funktionale Rationalität teilte sie mit ihrem Ehemann, dem Architekten und Designer Ferdinand Kramer (1898–1985), der als Mitgestalter des Frankfurter Siedlungsprogramms und später durch seine Bauten für die Goethe-Universität den Frankfurter Funktionalismus prägte.

In ihren Lehrveranstaltungen, Schriften und Designentwürfen setzte sich Lore Kramer für ein prozesshaftes Verständnis von Gestaltung ein – eines, das Handlungszusammenhänge, Nutzer_innenbedürfnisse und gesellschaftliche Kontexte in den Mittelpunkt stellt. Ihr Werk zeigt, wie Design Lebensqualität verbessern kann, ohne dabei an gestalterischer Klarheit zu verlieren.

Als Keramikerin und Produktdesignerin entwarf sie bereits in den 1950er Jahren gebrauchsnahe, vielseitige Objekte – von kombinierbaren Vasen über praktisches Junggesellengeschirr bis hin zu Doppelschalen, die Alltagsfunktionen mit ästhetischer Reduktion verbanden. Ihre Entwürfe waren geprägt von Selbstverständlichkeit und Präzision: Sie schufen nicht nur funktionale Gegenstände, sondern auch Zeugnisse einer gestalterischen Haltung, die Material, Form und Nutzung in Einklang brachte.

Lore Kramers intellektuelles Engagement ging weit über die HfG hinaus. 1992 wurde sie in den Vorstand des Bauhaus-Archivs berufen, wo sie ihr Wissen in die Diskussionen um die Geschichte und Gegenwart von Architektur und Design einbrachte. Die HfG Offenbach würdigte ihr Lebenswerk 1993 mit dem Sammelband »Lore Kramer – Texte: Zur aktuellen Geschichte von Architektur und Design« – eine Zusammenstellung ihrer Schriften, die bis heute als wichtige Quelle für die Designgeschichte des 20. Jahrhunderts gilt. 2018 gab das Museum Angewandte Kunst Frankfurt in der Ausstellung »Ich konnte ohne Keramik nicht leben« einen umfassenden Überblick zu Lore Kramer und ihr Werk.

(31.03.2026)