Nachruf auf Johann-Peter Baum

vor 7 Jahren
Baum

Mit Betroffenheit nehmen die Lehrenden, Mitarbeiter, Absolventen und Studierenden der HfG Offenbach Abschied von Johann-Peter Baum, langjähriger Lehrer für Künstlerische Druckgrafik. Er starb nach langer Krankheit am 15. November 2011. Unser Nachruf soll an einen besonderen Menschen und Lehrer erinnern.

»Man muss etwas Neues machen,
um etwas Neues zu sehen.«
Georg Christoph Lichtenberg
(Sudelbücher, 1770)

Johann-Peter Baum war Maler, Zeichner, Radierer – Brückenbauer, Vermittler, Koordinator – Rennfahrer, Tüftler, Sammler – aufmerksamer, kritischer, anregender Lehrer. Er war Menschenfreund im Allgemeinen und Freund im Speziellen. Er wirkte mehr durch seine Taten als durch viele Worte. Laotse und Lichtenberg waren ihm vertraute Begleiter. Aus seinem Gefühl für Natur und Landschaft als geistigem Raum und der ständigen Reflexion über sein künstlerisches Tun entstand bei ihm Wesentliches.

1951 in Wuppertal geboren, studierte er von 1972 bis 77 an der Bergischen Universität Wuppertal Grafik. In die Jahre 1976 bis 82 fiel die Gründung des Verlages Königshöhe-Wuppertal mit gleichzeitiger Einrichtung einer Werkstatt, Galerie und Edition von und für Druckgrafik. Von 1979 bis 82 hatte er einen Lehrauftrag für Zeichnen an seiner alten Universität. Ab 1982 übernahm er an der HfG Offenbach die Stelle eines Lehrers für besondere Aufgaben in der Werkstatt für Künstlerische Druckgrafiken.

Es war die Zeit, in welcher der Computer als neues Medium Einzug hielt und viele Studierende mit seinen ganz anderen Gestaltungsmöglichkeiten in seinen Bann zog. Es konnte deshalb bei der anstehenden inhaltlichen Neuausrichtung seiner Werkstatt – mit dem von ihm gesetzten Schwerpunkt Radierung – nicht mehr nur darum gehen, Zeichnungen in Metall zu ritzen und zu ätzen. Statt dessen machte er die Studierenden mit den besonderen Möglichkeiten und Stärken »alter« druckgrafischer Verfahren vertraut, von Radierung und Lithografie, über Holz- oder Linolschnitt hin zu Material- und Schablonendruck bis zur computergesteuerten Bearbeitung von Druckplatten. Prozesshaftes Denken, experimentelles Arbeiten und Spiel mit dem Zufall standen im Zentrum seiner Lehre. Das alte Medium Druckgrafik stellte sich dem neuen Medium Computer. Aus der engen Verwandschaft von Druckgrafik und Zeichnung ergab sich folgerichtig eine über zwanzig Jahre währende fruchtbare Zusammenarbeit mit mir im Lehrgebiet Zeichnen.

Johann-Peter Baums eigene künstlerische Arbeit hatte ihre thematischen Wurzeln in der Landschaft. Waren es anfänglich großformatige Aquarelle, in denen Weite und atmosphärische Dichte bildbestimmend waren, entwickelte sich das Landschaftliche in späteren Jahren immer stärker zum Archetypischen hin. Konstruktive Verspannungen werden gegen gestische Bewegungsabläufe gesetzt. Die frühere differenzierte Farbigkeit wird von satter Schwärze abgelöst, Zartheit gegen flächige Wucht gestellt. Seine Landschaften lösen sich radikal vom real Gegenständlichen und entwickeln sich immer stärker zu Universal- und Denklandschaften.

Schon mit der Gründung seines Verlages mit Werkstatt/Galerie in Wuppertal zeigten sich seine organisatorischen Fähigkeiten, verbunden mit dem Bedürfnis und der Lust, gemeinsam mit anderen Neues zu entwickeln. So war es auch später an der HfG, wo er neben seiner engagierten Lehre die Planung und organisatorische Betreuung großer Projekte übernahm, für die er die Studierenden zu begeistern wusste.

Anfang der 90er Jahre begann die Kooperation mit dem Zentralverband des Deutschen Elektrohandwerks (ZVEH) in Frankfurt am Main, in deren Haus er in Zusammenarbeit mit anderen Kollegen Ausstellungen aus den Bereichen Zeichnen, Malerei, Fotografie etc. realisierte. Aus dieser vertrauensvollen Zusammenarbeit ergab sich im Jahr 2000 das große Projekt »Via Mobile« auf der Messe Light + Building, in Zusammenarbeit mit Heiner Blum. Von 1995 bis 2000 war er Koordinator eines EU-Austauschprogramms im Bereich Druckgrafik mit Kunsthochschulen aus Barcelona, Bourges, Reykjavik und Southhampton. Dabei kam ihm der künstlerische Ideenaustausch mit anderen, internationalen Hochschulen und seinen eigenen Überlegungen und Anschauungen zur medialen Rolle heutiger Druckgrafik sehr entgegen.

Johann-Peter Baum war stets ein großer Vermittler zwischen Hochschule und Außenwelt, aber auch innerhalb der Hochschule, und pflegte in diesem Sinn Kontakte, stellte dabei seine Person aber niemals in den Mittelpunkt. Es ging ihm immer um das jeweilige Projekt. So auch bei dem komplexen Buchmesse-Projekt VIERpunktEINS. Hier leistete er bei der Messeleitung große Überzeugungsarbeit, sich auf ein solches künstlerisches Projekt einzulassen. Zusammen mit Petra Kellner, mir und Studierenden beider Fachbereiche wurde ab 2003 ein Ausstellungskonzept entwickelt, das in der Halle 4.1 zu einem visuellen und pointierten Gegengewicht gegen endlose Stände- und Bücherreihungen wurde. Auf seine Initiative hin war der Fachbereich VK 2004 bis 2006 zusätzlich mit einem eigenen Stand vertreten, mit den wechselnden thematischen Schwerpunkten Illustration, Fotografie und Grafik-Design.

Als schließe sich für ihn hier der Arbeits- und Lebenskreis, entstand im Jahr 2008 nach einer Exkursion mit Studierenden nach Duchroth an der Nahe die Idee für das Kunstprojekt »Landschaft – Kunst in, um und mit Duchroth«. Unter seiner Leitung entwickelten Studierende Situationen und Objekte, um mit der Landschaft und den Einwohnern des Ortes in einen künstlerischen Dialog zu treten. Im Frühjahr 2009 wurde am Steintisch auf dem Gangelsberg dieser Dialog eröffnet. Seitdem sind schon mehrere Projekte in der Landschaft um Duchroth und im Ortskern realisiert worden. Um die Ernsthaftigkeit von beiden Seiten zu unterstreichen, ist ein »Förderverein Kultur und Landschaft« entstanden, der neben weiteren Kunstinterventionen plant, das gemeindeeigene Haus Schuhmacher zu einem Künstlerhaus zum Nutzen der Hochschule umzubauen.

Seine Werkstatt für Künstlerische Druckgrafik war für Johann-Peter Baum nie ein Rückzugsort. Stets war er hochschulpolitisch aktiv, prägte als Mitorganisator die HfG-Rundgänge, war in den 90er Jahren und von 2001 bis 2006 langjähriger Prodekan im Fachbereich Visuelle Kommunikation und beteiligte sich engagiert an den Diskussionen über die inhaltliche Weiterentwicklung der HfG.

Am 15. November 2011 ist er nach langer Krankheit viel zu früh gestorben. Uns bleibt als Trost und Ansporn, sein in Duchroth begonnenes Werk weiterzuführen. Solange wir seiner gedenken, wird er mit uns weiter leben.

Dieter Lincke
(von 1979 bis 2005 Professor für Zeichnen, Illustration und Buchgestaltung im Fachbereich Visuelle Kommunikation) im Namen der HfG Offenbach

Eroeffnung gangelsberg

Johann-Peter Baum beim Startschuss des Projekts "Landschaft - Kunst in, um & mit Duchroth" am 9. Mai 2009 auf dem Gangelsberg (Bild links).

Wer das Projekt in Johann-Peter Baums Sinne unterstützen und dessen Fortführung sichern möchte, kann unter dem Stichwort J.P. Baum für das Projekt www.landschaftland.de in Duchroth spenden: KuLD e.V., Kto. 24017508, BLZ 540 900 00.

www.landschaftland.de