Nina Wood

Die grafische Seite der Gegenwartsliteratur

Fachbereich Kunst

Was wenn Gegenwartsliteratur nicht nur inhaltlich, das heißt syntaktisch, intertextuell, poetisch mit dem Diktum von Sinn und erzählerischer Struktur bricht, sondern darüber hinaus sich dieser Bruch auch in der Form, das heißt in der Typografie bzw. der Grafik zu erkennen gibt? Über »Die grafische Seite der Gegenwartsliteratur« zu forschen, bedeutet eine umfassende Reflexion der wechselseitigen Verflechtung von Grafik und Literatur. Dabei liegt der Fokus dieser Forschung auf dem Diskurs der Begriffe des »Grafischen« und der »Gegenwartsliteratur«, auf der Interpretation empirischer Beispiele, die die jeweiligen Spezifika des Grafischen und der Gegenwartsliteratur belegen und auf der Auseinandersetzung solcher theoretischer Positionen, mit denen und gegen die sich argumentieren ließe, inwiefern sich Schrift und Sprache, Text und Bild, Form und Inhalt, kurz: das Grafische und die Gegenwartsliteratur zueinander verhalten.

Dabei will die Arbeit Gegenwartsliteratur nicht als eine Literatur verstehen, die sich aus ihrem Entstehungszeitraum heraus definiert oder gar in einer Jetzt-Zeit geschrieben, verfasst, lektoriert, publiziert wird oder wurde, sondern als Literatur, deren Spezifikum darin besteht, diejenige Zeitlichkeit als solche hervorzuheben, die sich den Leser_innen erst im Leseakt selbst offenbart. So sind vor allem solche Beispiele von Interesse, in denen sich der Bruch erst zu erkennen gibt, wo er mit einer vorliegenden, dem Text zugleich inhärenten Lese- bzw. Sehgewohnheit bricht, da, wo eine Narration, mit der eine Lesegewohnheit und Zeitlichkeit einhergeht, als solche noch gegeben ist und dadurch mit dieser innerhalb des Textes gebrochen werden kann. Denn das Grafische der Gegenwartsliteratur hat das Potenzial, auf verschiedenste Weise mit Lese- bzw. Sehgewohnheiten zu brechen. Würde eben dieses, zwischen dem Pol einer Funktionalität, einer Unterwerfung der Typografie zugunsten des Inhalts, bis hin zum Pol eines radikalen Bruchs mit eben diesem Diktum behandelt werden, kann das Grafische zunächst interpunktuell, bildlich-formal und darüber hinaus auch zeitlich-performativ wirken. 

Das Typografische, das Konkret-Poetische und das Popliterarische sind nur einige wenige zu untersuchende Felder. Auch das Phonetische und der Fokus darauf bis hin zur radikalen Sinnentleerung wirken durch dieses Potenzial. Wird mit einem solchen Verständnis das Grafische und die Gegenwartsliteratur in ein vergleichendes Verhältnis gesetzt, eröffnet sich ein großes Arsenal im engeren Sinne literarischer wie im weiteren Sinne künstlerischer Bewegungen, die bis ins 18. Jahrhundert zurückreichen. Symbolismus, Lettrismus, Konkrete Poesie, Futurismus, Dadaismus und Teile der Konzeptkunst etwa, um nur einige wenige Beispiele zu nennen, sind Strömungen, in denen sich mehr oder weniger methodisch dem Spannungsverhältnis von (Un-)sinn und Klang, Begriff und Gestalt, Bild und Text, Form und Syntax gewidmet wurde und an denen es zu forschen gilt. Folglich will die Arbeit sich dem Forschungsgegenstand mit einem Verständnis von Literatur und ihren Veräußerungsweisen nähern, das sich mit theoretischen Strategien der Gegenwartskunst überschneidet.

Denn, dass heutzutage Literatur durchaus als Kunst und also mit den Mitteln philosophischer Ästhetik verstanden werden kann, betont Wolfgang Iser in seiner Studie »Akt des Lesens«, in der er schreibt: »[…] Wirkung soll […] in dem dialektischen Dreischnitt von Text und Leser sowie der sich zwischen ihnen ereignenden Interaktion analysiert werden. Sie heißt ästhetische Wirkung, weil sie – obwohl vom Text verursacht – vorstellende und wahrnehmende Tätigkeiten des Lesers in Anspruch nimmt, um ihn zu einer Einstellungsdifferenzierung zu veranlassen.« 1
Die grafische Seite der Gegenwartsliteratur eröffnet somit ein Forschungsfeld, das ebenso reich wie bisweilen unzureichend erschlossen ist.

1 Wolfgang Iser (1984). Der Akt des Lesens. Theorien ästhetischer Wirkung. München: Fink, S. 8.

Betreuende:

Prof. Dr. Juliane Rebentisch

Prof. Heiner Blum

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