Destina Yildirim

Erfahrung und Gebiet. Dekoloniale Ontologie als Suchbewegung zwischen Dokumentarismus und Überwindung

Fachbereich Kunst

Doch mit all meinem Sein lehne ich diese Amputationen ab. Ich fühle, dass ich eine Seele habe, die ebenso weit ist wie die Welt, eine Seele so tief wie der tiefste Fluss, meine Brust hat unendliche Ausdehnungskraft. Ich bin Gabe, und man rät mir die Demut des Kranken… Als ich gestern die Augen auf die Welt öffnete, sah ich, wie sich allenthalben der Himmel in Zuckungen wand. Ich wollte aufstehen, aber die ausgeweidete Stille floss zu mir zurück, mit lahmen Flügeln. Unverantwortlich, zwischen dem Nichts und der Unendlichkeit, begann ich zu weinen (Fanon 2016, 121).

Als Theoretiker eines dekolonialen Begriffs von Gewalt scheint Frantz Fanon bereits seit einigen Jahren ein Name in der deutschsprachigen wissenschaftlichen Forschung zu sein. Seine Definition einer gewaltvollen Welt, welche er in Die Verdammten dieser Erde (1961) denkt und entwickelt, findet Anklang in politischen Organisationen sowie auch seine Texte zur Psychoanalyse und Hegels Anerkennungsmodell in universitären Syllabi gefunden werden können. In diesen philosophischen wie politischen Praktiken wird deutlich, dass die Fragestellung der Dekolonisierung, das Bedürfnis, die Leerstelle der Einordnung kolonialer Geschichte und Praxis, zu begreifen und systematisieren verschiedene Wege finden, um erarbeitet zu werden. Sie findet sich in Figuren wieder, begleitet Saidiya Hartman durch Ghana, zehrt an Yilmaz Güney, schleicht sich in Necati Öziris Verlobung in St. Domingo und leitete Monte Melkonian nach Armenien statt an die University of Oxford.

Es ist die Frage nach der Vergangenheit und der „leidenschaftlichen Suche“ nach einer Geschichte, die nicht kontaminiert ist vom Kolonialismus, welche uns Fanon unbeantwortet hinterließ. Fanons Zugang selbst zu dieser Frage besteht aus Zerrissenheit, Ambivalenz, Zuneigung gegenüber einem strategischen Essentialismus, welcher sich mischt mit einem Anspruch an Materialität und Klassenfrage. Mit 36 Jahren stirbt er und hinterlässt psychiatrische Texte, Theaterstücke und einige wenige Monografien, durch welche Denklinien zu finden sind, die die Frage nach der Vergangenheit verknüpfen mit der ontologischen Widerstandskraft kolonialisierter Menschen. Das Promotionsprojekt Erfahrung und Gebiet möchte an dieser Forschungsfrage anknüpfen und eine deleuzianische Paradigmenverschiebung anbieten durch welche Fanons Texte systematisch erarbeitet und weitergedacht werden sollen. Unter der Forschungsfrage: Wie kann eine dekoloniale Ontologie ausgehend von Frantz Fanon weitergedacht werden, die koloniale Vergangenheit weder als Ursprung noch als zu bewältigendes oder zu vergessendes Vergangenes behandelt? wird das Projekt eine dekoloniale Ontologie entwickeln, welche statt gängiger Diskurse nach Subjektivierung und Subjekt-Objekt-Konstellation das Ich und die Vergangenheit verflüssigt und eine asubjektive Perspektive entwickeln. Hierfür sollen die Theoretiker:innen, zwischen denen es eine große Anzahl noch wenig systematisierter historischer und wissenschaftlicher Überschneidungen gibt, in einer Denklinie besprochen werden. Ziel ist es darin eine affektive, leibliche, körperliche und phänomenologische dekoloniale Ontologie zu entwickeln. Die These lautet, dass diese Perspektive erst eine dekoloniale Ontologie ermöglicht.

Literatur​

Fanon, Frantz (2016): Schwarze Haut, weiße Masken. Wien: Turia + Kant.

Betreuung

Prof. Dr. Francesca Raimondi

VITA

Destina Yildirim (*1996 in Lörrach) ist Soziologin, freie Dramaturgin und Autorin in Frankfurt am Main. Sie studierte Politikwissenschaft, Germanistik und Soziologie an der Goethe Uni und arbeitete während und nach ihrem Studium in der Wissenschaft und im freien Theater zu Dekolonialität und Diaspora sowie im Forschungsfeld der Visual Studies. Als interdisziplinäre Forscherin und Autorin beschäftigt sie sich vor allem mit explorativen Fragestellungen, die versuchen neue Begriffe und Perspektiven für diasporische, koloniale und rassistische Vergangenheit und Gegenwart zu entwickeln. Sie arbeitet dabei experimentell mit literarischen Formen wie Lyrik, Drama und Kurzprosa und entwickelt Found-Footage-Filme, die begleitet werden durch literarische Arbeiten. Zurzeit arbeitet sie neben ihrer Promotion an ihrem ersten Buchprojekt, welches sich mit Weil am Rhein, Arbeit und Archiven beschäftigen soll. Das Buchprojekt wird gefördert durch das Stipendium im Bereich Literatur der Kunststiftung Baden-Württemberg 2026. 

Autorin foto

Veranstaltungen

UPCOMING

Red Cinema Lecture- und Filmreihe 

Dekoloniale Filmreihe mit Vorträgen und Diskussionsrunden vom 27.Oktober 2026 - 23. Februar 2027 in Frankfurt am Main - Programm.

SONIC COMMUNITIES

Experimentelle Musik- und Performance-Reihe (vom Mensch ohne Ufer Kollektiv der theaterperipherie) mit Sound-Performances, Gedichten, Listening Sessions und Konzerten. Nächster Termin: 25. Oktober 2026 im Titania Theater, Frankfurt-Bockenheim mit GÜLDESTE. 

Lesung

Samstag, 21. November 2026 im zeitraumexit, Mannheim. 

Vergangene Projekte

Auswahl

IF SOMETHING DOESNT GROW. Video und Installation gemeinsam mit Luna Vega. Premiere: 10.04.2026, theaterperipherie im Titania Theater, Frankfurt am Main.

PROTECT YOURSELF. Ein performativer Abend über Selbstschutz als Widerstand von Caner Akdeniz und Team. Rolle: Dramaturgie und Text. Premiere: 19.09.2025, im schwere reiter, München. 

MENSCH OHNE UFER. Migrantisch-Queeres Theater- und Medienfestival. Rolle: Co-Leitung und Co-Initiatorin. August-Oktober 2025, theaterperipherie im Titania Theater, Frankfurt am Main.

YOU'VE BEEN GOOD AND NOW YOU'RE OLD. Performance-Projekt gemeinsam mit Nicholas Stewens und Team. Rolle: Dramaturgie und Performance. Premiere: 31.07.2025, Städelschule, Frankfurt am Main. 

Rojbaş. Eine Drama in drei Akten gemeinsam mit Deniz Özbay. Rolle: Dramaturgie und Dramatik. Premiere: 22.03.2024, theaterperipherie im Titania Theater, Frankfurt am Main.