Plakatentwurf: Sascha Lobe
Vortragsreihe »Die Gegenwart der Gegenwartskunst«
24.05.2012, 19.00 Uhr, Aula
Tom Holert
Virtuose Gemeinschaften? Das Soziale als Fluchtpunkt der Gegenwartskunst
Gegenwartskunst, könnte man etwas tautologisch formulieren, hat Konjunktur. Kaum eine Stadt, die nicht durch ein Museum der Gegenwartskunst demonstrierte, was sie auf sich hält. An immer mehr Orten weltweit widmen sich Biennalen regelmäßig ihrer Bestandsaufnahme und ziehen damit ein internationales Massenpublikum an. Professuren und Forschungsprogramme werden zu ihrer Erklärung eingerichtet. Aber was meint der Begriff Gegenwartskunst eigentlich genau, und vor allem: auf welche Gegenwart bezieht er sich?
Die HfG-Offenbach hat internationale Gäste eingeladen, zu dieser Frage Stellung zu beziehen. Die Vortragsreihe beginnt im Sommersemester und wird im Wintersemester fortgesetzt.
www.hfg-offenbach.de/vortragsreihe_gegenwartskunst
Tom Holert
Virtuose Gemeinschaften? Das Soziale als Fluchtpunkt der Gegenwartskunst
Die seit Jahren anhaltenden Debatten um partizipative und relationale Ästhetiken, um kollektive und kollaborative Praktiken, um „social work“ und „community art“ usw. prägen maßgeblich das Bild, das wir uns von zeitgenössischer Kunst machen. Immer wieder taucht dabei die Frage auf, was an solcher „contemporary art“ überhaupt noch Kunst sei und nicht vielmehr etwas anderes – sozialer Dienst, Pädagogik, humanitäres Engagement, Unterhaltung oder Politik. Zugleich werden die vermeintlichen sozialen Aktivitäten und Kompetenzen zum Anlass genommen, an die Kunst und an ihre Akteure mit Forderungen nach Verantwortung und Relevanz heranzutreten. Das Soziale (was ist das überhaupt?) erscheint dann bald als Aufgabe und Verpflichtung, bald als Fluchtpunkt oder gar Fluchtlinie. Der Vortrag versucht, diese Konfiguration zum einen historisch, mit Blick auf den Zusammenhang von künstlerischer Zeitgenossenschaft und deren Beziehung zum Sozialen in der jüngeren Vergangenheit, zum anderen vor dem Hintergrund des heutigen Verhältnisses von Kunst und sozialen Bewegungen zu beschreiben.
Tom Holert, Kunsthistoriker, Kulturwissenschaftler, gelegentlich Künstler, lebt in Berlin. Bis September 2011 lehrte und forschte er an der Akademie der bildenden Künste Wien, wo er ein Doktoratsstudium für bildende Künstler_innen mitentwickelt hat; seitdem ist er ebendort Honorarprofessor für Kunst- und Kulturwissenschaften. In früheren Zeiten war er Redakteur von Texte zur Kunst und Mitherausgeber von Spex in Köln. 2000 gründete Holert (mit Mark Terkessidis) das Institute for Studies in Visual Culture (isvc), 2004/2005 erhielt er (mit Mark Terkessidis) ein Forschungsstipendium für ein Projekt zu Migration und Tourismus. 2004 ko-kuratierte er (mit Heike Munder) die Ausstellung „The Future Has a Silver Lining“ im migros museum für gegenwartskunst, Zürich. Mit dem Projekt „Ricostruzione: Disertori/Libera“ nahm er (mit Claudia Honecker) 2008 an der Manifesta 7 teil; mit dem Video „Carrying Pictures“ war er zur 8. Gwangju Biennale, 2010, zum Forum Expanded auf der Berlinale 2011 und zur Transmediale, Berlin, 2012, eingeladen; der Videoessay „The Labours of Shine“ wurde für die Ausstellung „Animismus“ im Haus der Kulturen der Welt, 2012, produziert. Letzte Veröffentlichungen: Regieren im Bildraum (2008); Das Erziehungsbild. Zur visuellen Kultur des Pädagogischen (Hg., m. Marion von Osten, 2010); Distributed Agency, Design’s Potentiality [Civic City Cahier 3] (2011).
Tom Holert