Der Schatz im Silberbromidsee. Karl May war nie in den USA und hat trotzdem unser Bild der amerikanischen Pionierzeit geprägt. Die erzählte Geschichte dominiert das tatsächliche Geschehen. Unsere Vorstellung vom American Way of Life, von endloser Weite, On the road, wird weitgehend von medialisierten Bildern bestimmt. Der Reisende, der zum ersten mal die Skyline von New York erblickt, erlebt einen Ort, der ihm schon seit frühester Kindheit in zahllosen Erinnerungen in das Gedächtnis betoniert wurde. Tief sitzenden Bilder, die bis in die ersten Gedankenfetzen zurückreichen von einem Ort, den er niemals vorher physisch betreten hat. Die umgekehrte Zeitlinie, -zuerst die Erinnerung, dann das reale Ereignis - verursacht einen Crash, einen Bewusstseinschock, der eklatant für unsere neuzeitliche Wahrnehmung ist.
Wir kennen Amerika, bevor wir dort waren. Gerade die Bilderwelten der technischen fotografischen Naturselbstabbildung erzeugen diese flirrend glaubhafte Realität. Die ursprünglich sozialdokumentarischen Positionen einer Straight Photograph verwandeln sich ab den 60er Jahren zunehmend zur selbst- und medienkritischen Kunst. Die technischen Medien, die sklavisch parasitär von der Wirklichkeit zehren, sind für jeden bilderzeugungsdemokratisch verfügbar. Jeder Analphabet kann sie benutzen; Europa hat die Fotografie erfunden, Amerika hat mit Kodak die erste Einwegkamera auf den Markt gebracht: You push the Button, we do the Rest.
Der amerikanische Western oszilliert ebenfalls zwischen Vorstellung und Geschichtsschreibung. Die Geschichte ist nicht mehr nachprüfbar, da in der Zeit verloren. Die frühen Western aber mythologisieren die Vergangenheit und behaupten einen selbstständige Welt. Die 90-minütige Scheinrealität bricht im Spätwestern auf; wie in der Kunst auch muss das Genre sich selbst reflektieren, kritisieren und ironisieren um zu überleben. Der europäische Italowestern bedient sich der Bilder und Mythen, um in der spanischen Wüste im Showdown doppelter Verneinung den Western vom Wahrheitsanspruch zu befreien.
Martin Liebscher